AutoElektroantriebVisionen

aCar: Mehr als nur ein Elektroauto für Afrika

Wie ein Elektroauto aus München die Wirtschaft in Afrika ankurbeln soll.

Am Anfang stand das Projekt „aCar mobility – Ländliche Mobilität in Entwicklungsländern“ und die Frage: wie muss ein Auto konzipiert sein, das speziell auf die Bedürfnisse der Menschen in ärmeren Gegenden zugeschnitten ist. Das aCar sollte ein Auto werden, das Menschen in ländlichen Regionen zu mehr Mobilität verhilft und vor allem die lokale Wirtschaft stärkt. Denn eines war von Anfang an Hauptziel des Projekts: nach der Entwicklungsphase in Deutschland soll das elektrisch betriebene aCar direkt vor Ort in Afrika produziert werden – und nicht mehr als 10.000 Euro kosten!

Im Jahr 2013 startete das Forschungsprojekt „aCar mobility“ an der Technischen Universität München (TUM). Mit Erkenntnissen aus Feldstudien, unter anderem in Bangladesch, Nepal und Kenia, wurde der erste Prototyp entwickelt. Die Entscheidung für einen Elektroantrieb fiel relativ früh: „Ein Elektroantrieb ist nicht nur umweltfreundlicher, sondern auch technisch die bessere Lösung, da er wartungsarm ist und sein volles Drehmoment direkt beim Anfahren entfalten kann“, erklärt Martin Šoltés, der gemeinsam mit Sascha Koberstaedt das Projekt am Lehrstuhl für Fahrzeugtechnik leitete. Zudem ist es in den meisten Teilen Afrikas wesentlich leichter eine Steckdose zu finden, als eine Tankstelle.

Eine zwei Reissäcke lange Ladefläche

Wegen der schlechten Straßenverhältnisse in ländlichen Regionen Afrikas, Asiens und Südamerikas war Allradantrieb für das aCar auf jeden Fall Pflicht. Apropos Pflicht: In Gesprächen mit Menschen vor Ort erfuhren die Entwickler auch, dass die optimale Länge der Ladefläche unbedingt „zwei Reissäcke lang“ sein solle.

„Ich kann Ihnen die Teile des Autos in die Garage stellen und Sie können das in einer Woche zusammenschrauben.“ Sascha Koberstaedt, Co-Gründer Evum Motors

Die Bauweise: einfach, modular, flexibel

Der Fahrzeugrahmen des Elektroautos für Afrika besteht aus Profilblechen. Die einfache geschraubte Bauweise ermöglicht nicht nur sehr niedrige Produktionskosten – im Reparaturfall reicht meist ein normaler Schraubenschlüsselsatz. „Das gesamte Auto besteht aus nur 200 Teilen und kommt in der Montage mit zwei Fertigungsschritten aus: schweißen und schrauben,“ so Wolfram Volk, Leiter des Lehrstuhls für Umformtechnik und Gießereiwesen an der TUM.

Dank der modularen Plattform kann das aCar auf unterschiedliche Bedürfnisse angepasst werden: Ob offene Ladefläche für den Transport von Gütern und/oder Personen, Transportaufbau mit Lkw-Planen, oder spezielle Aufbauten für mobile Arztpraxen – eigentlich gibt es nichts was mit dem aCar nicht möglich ist.

Die vollständige Ladedauer der aCar-Batterie beträgt mit 230 Volt-Stromquelle maximal sieben Stunden, mit Schnellladestation nur zwei Stunden. Ein Solarmodul auf dem Dach liefert zusätzliche Energie und Reichweite. Optimalerweise fährt das aCar eine gewisse Zeit auch mit reiner Sonnenenergie. Die Batterie, die eigentlich für den elektrischen Antrieb zuständig ist, kann jederzeit angezapft werden und als externe Stromquelle dienen. So können Seilwinde, Wasserpumpe oder Kühlgeräte selbst in der entlegensten Gegend jederzeit per aCar-Batterie mit Strom versorgt werden. Durch optionale Module an den Aufbauten wächst die gesamte Fläche der Solarpanele auf bis zu zehn Quadratmeter.

Erste Testphase in Ghana: Sogar der König wollte selber fahren!

aCar in Afrika, erster Prototyp | Foto: TUM

Nach vier Jahren Entwicklungszeit ging es für das aCar im Juli 2017 aber erstmal nach Afrika. In der Region Ashanti in Ghana wurde der Prototyp unter realen Bedingungen zwei Wochen lang getestet. Während der zwei Wochen gab es keinerlei technische Einschränkungen. Das aCar verrichtete zuverlässig seinen Dienst. Unter anderem konnten sich die Entwickler auch persönlich davon überzeugen, dass die Reichweite des ersten Prototyps von rund 80 Kilometern auf jeden Fall ausreichend war.

„Es war sechs Wochen im Container unterwegs, wir haben es ausgeladen, eingeschaltet und es hat bis zum letzten Erprobungstag einwandfrei funktioniert.“ Sascha Koberstaedt, Co-Gründer Evum Motors

Neben der Erprobung der technischen Zuverlässigkeit hatte die zweiwöchige Testphase noch einen weiteren Zweck erfüllt: Das aCar-Projekt wurde in rasender Geschwindigkeit im ganzen Land bekannt und stieß bei der heimischen Bevölkerung auf großes Interesse. Selbst der König der Region Ashanti wollte ein paar Runden mit dem aCar fahren (siehe Video unten). Für das Auto und die Entwickler war dies eine besondere Ehre, denn auch ein afrikanischer König lässt sich eigentlich lieber chauffieren als selbst zu fahren.

Der zweite Prototyp wird auf der IAA präsentiert

Mit den Erkenntnissen aus Ghana wurde das aCar weiterentwickelt. Neben der Modifizierung von Fahrwerk, Elektrik und Solarpanel erhielt das Elektroauto auch ein moderneres Design. Im September 2017 wurde der zweite Prototyp dann auf der IAA präsentiert. Im selben Jahr entstand die Evum Motors GmbH als Spin-off des TUM-Forschungsprojekts. Das Unternehmen ist seitdem für die Industrialisierung des Projekts zuständig.

Nach der IAA war schnell klar, dass das ursprünglich als Elektroauto für Afrika gedachte aCar auch in Europa auf große Nachfrage stößt. Unter anderem erhielt das Unternehmen zahlreiche Anfragen von Handwerksbetrieben und Kommunen. Neben dem ursprünglichen Plan, ein nachhaltiges Elektroauto für Entwicklungsländer zu konzipieren, wird Evum Motors das aCar daher auch für den deutschen und europäischen Markt produzieren.

Evum aCar Plattform | Bild: Evum Motors GmbH

Die wichtigsten Fahrzeugdaten im Überblick:

  • Antrieb: vollelektrisch + Solar
  • Batterie: 20 kWh Lithium-Ion
  • Batterie und Antrieb von Bosch
  • Ladezeit: 7 Stunden mit 230V / 2 Stunden mit Schnellladegerät
  • Leistung: 2 x 8 kW
  • Reichweite: bis 150 – 200 Kilometer (Abhängig von Batteriepack)
  • Höchstgeschwindigkeit: 70 km/h
  • Maße in Meter (L x B x H): 3,70 x 1,50 x 2,10
  • Leergewicht: 800 Kilogramm
  • Nutzlast: 1000 Kilogramm
  • Ladevolumen: 3,5 Kubikmeter
  • Allradantrieb

Auslieferung ab Anfang 2020

In der aCar-Modellfabrik in Bayerbach in Niederbayern wird bereits eine Vorserie von zehn Fahrzeugen produziert. Diese sollen bis Februar 2019 vom Band laufen. Die Produktion der Serienfahrzeuge beginnt voraussichtlich Ende 2019. Verläuft alles nach Plan, dann wird das Evum aCar in Deutschland ab dem ersten Quartal 2020 ausgeliefert.

Aktuell befindet sich Evum Motors in Vorplanung für die ersten Produktionsstandorte in Afrika. Wenn alles klappt, dann könnte das aCar ab 2021 in Fabriken in Afrika produziert werden. Bevor das möglich ist, müssen in der Modellfabrik erst noch die technischen Abläufe perfektioniert werden. Anschließend sollen Arbeiter aus Afrika hier geschult werden, um mit dem erlangten Wissen das aCar dann vor Ort selber produzieren zu können. Das aCar soll in Afrika nicht mehr als 10.000 Euro kosten. Für den deutschen Markt ist ein Preis von rund 22.000 Euro vorgesehen, was den wesentlich höheren Produktionskosten und Sicherheitsvorschriften geschuldet ist.

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