Urbane Mobilität

Pontevedra: autofrei und Spaß dabei!

Die spanische Kleinstadt hat bereits 1999 den Autoverkehr aus der Innenstadt verbannt. Parkplätze wurden durch Grünanlagen und Spielplätzen ersetzt. Die Bevölkerungszahl wuchs seitdem um 15 Prozent!

In der nordspanischen Kleinstadt Pontevedra wurde 1999 der private Autoverkehr weitgehend aus der Innenstadt verbannt. Seitdem haben Fußgänger grundsätzlich Vorrang vor allen anderen Verkehrsteilnehmern. Die Höchstgeschwindigkeit für Fahrzeuge beträgt 30 km/h. Das Resultat seitdem Pontevedra fast autofrei ist: kein einziger Verkehrstoter in den letzten zehn Jahren, 70 Prozent weniger CO2-Emissionen und ein Bevölkerungszuwachs von rund 15 Prozent!

„Ein Auto zu besitzen gibt dir nicht das Recht den öffentlich Raum damit zu besetzen.“ Miguel Anxo Fernández Lores, Bürgermeister

Menschen statt Autos

Pontevedra ist zweifellos einer der schönsten Orte Galiciens. Die mittelalterliche Altstadt ist gespickt mit historischen Bauwerken, verwinkelten Gassen und einladenden Plätzen. Wer auf dem portugiesischen Jakobsweg wandert, tankt hier neue Kraft für die letzten Kilometer bis Santiago de Compostela. Und wer die Kleinstadt im Nordwesten Spaniens zum ersten Mal besucht, merkt sofort, dass hier irgendetwas anders ist.

Auffällig viele Kinder tummeln sich in den Straßen der Stadt. Dort, wo eigentlich Autos auf der Suche nach Parklätzen kreisten müssten, flanieren Menschen durch die Gassen. Statt Parkflächen gibt es Grünanlagen und Spielplätze. Pontevedra hat das geschafft, wovon viele europäische Städte erst jetzt zu träumen beginnen: Die Innenstadt ist fast frei von Autoverkehr.

Der öffentliche Raum gehört wieder den Menschen

Die Entwicklung zur fußgängerfreundlichen Stadt trägt einen Namen: Miguel Anxo Fernández Lores. Nach zwölf Jahren in der Opposition für die galicische Linkspartei BNG wurde der Arzt 1999 zum Bürgermeister Pontevedras gewählt – eine Sensation im traditionell konservativen Galicien.

Alles begann mit dem Plan, die Bedingungen in der Innenstadt zu verbessern. Zum damaligen Zeitpunkt ein schwieriges Unterfangen: „Das historische Zentrum war tot. Es war voller Autos, es gab viele Drogen – es war eine Randzone. Pontevedra war eine Stadt im Verfall, verschmutzt und es gab viele Verkehrsunfälle. Die meisten Leute, die die Möglichkeit hatten zu gehen, taten dies.“ Aber weil damals niemand eine passende Gesamtstrategie vorlegen konnte, entschieden sich Lores und seine Mitstreiter spontan dazu, die Autos aus der Innenstadt zu verbannen und den öffentlichen Platz an die Bewohner zurückgegeben.

Fußgänger haben immer Vorfahrt

Innerhalb eines Monats wurden die Straßen in der Innenstadt mit Gehwegplatten aus Granit gepflastert. Aus dem mittelalterlichen Zentrum entstand eine 300.000 Quadratmeter große Fußgängerzone. Alle oberirdischen Parkhäuser in der Innenstadt wurden geschlossen, der Durchgangsverkehr verboten. Ampeln wurden abgebaut und durch Kreisverkehre ersetzt. Seitdem gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h im gesamten Innenstadtbereich.

Fahrbahnmarkierungen, abgegrenzte Gehwege oder spezielle Radwege gibt es nur noch an wenigen Stellen. Alle Verkehrsteilnehmer nutzen die selben Wege. Als wichtigste Regel gilt: Fußgänger haben generell Vorrang vor allen anderen Verkehrsteilnehmern. An zweiter Stelle kommen Radfahrer. Während es in anderen Städten Streckenpläne für S-Bahn, Bus und Tram gibt, informiert in Pontevedra der „Metrominuto“ über die Entfernung zwischen den dreißig wichtigsten Punkten der Stadt, inklusive durchschnittlicher Gehzeit.

Maximale Parkdauer: 15 Minuten

Um die Fahrzeuge von der Innenstadt fernzuhalten, errichtete die Stadt rund um das Zentrum 15.000 Parkplätze. Die meisten davon sind gratis. Von dort aus fahren Stadtbusse kostenlos zu den wichtigsten Punkten in der Innenstadt. Auch Leihfahrräder stehen an den Parkplätzen bereit und können per App gemietet werden. Die verbliebenen 1.000 Parkplätze im Zentrum sind nur zum Ein- und Ausladen gedacht. Die Parkzeit ist auf maximal 15 Minuten begrenzt. Eine Überschreitung kostet stolze 200 Euro.

Mit dem Auto bis zur Haustür

„Wenn ich in meinem Büro das Fenster öffne, höre ich die Gespräche auf der Straße. Früher war das unvorstellbar,“ erzählt Lores und denkt zurück an die Zeit, als Pontevedra am Verkehr zu ersticken drohte. „Bevor ich Bürgermeister wurde, fuhren täglich 14.000 Autos durch diese Straßen.“

Auf rund 70.000 Bewohner kamen damals fast 50.000 registrierte Fahrzeuge. Fast jede Besorgung wurde mit dem Auto erledigt. Wer in der Innenstadt einkaufen wollte, fuhr meist bis direkt vor die Haustür und stellte sein Fahrzeug einfach da ab, wo gerade Platz war. Kein Wunder, dass vor allem die Einzelhändler gegen das Autoverbot in Pontevedra protestierten.

„Wie kann es sein, dass ältere Menschen oder Kinder die Straße wegen Autos nicht benutzen können?“ César Mosquera, Leiter der Abteilung Infrastruktur Pontevedras

Doch dieser Protest war schnell verflogen. Nachdem die Innenstadt von Pontevedra autofrei wurde, kamen plötzlich wieder Menschen, die vorher einen großen Bogen um die Innenstadt machten. Zudem unterstützte die Stadtpolitik die kleinen Einzelhändler, indem konsequent keine Genehmigungen mehr für den Bau großer Einkaufszentren vergeben wurden. Mit Erfolg: Nach einer vom Stadtrat durchgeführten Studie aus dem Jahr 2016 kaufen 72 Prozent der Bewohner ihre Kleidung zu Fuß ein.

Verkehrstote in den letzten zehn Jahren: Null!

Seitdem Pontevedra autofrei ist, sank der CO2-Ausstoß in der Stadt um 70 Prozent. Das entspricht im Durchschnitt einer halben Tonne pro Einwohner und Jahr. Während zwischen 1996 und 2006 in Pontevedra 30 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben kamen, gab es in den letzten zehn Jahren keinen einzigen Verkehrstoten. Und während andere Kleinstädte unter sinkenden Einwohnerzahlen leiden, gewann die Innenstadt Pontevedras in den letzten Jahren 12.000 neue Bewohner hinzu!

Es gibt einen weiteren erstaunlichen Nebeneffekt, der selbst den Bürgermeister überrascht: Eltern lassen ihre Kinder plötzlich wieder alleine auf die Straße. Laut der oben genannten Studie gehen täglich rund 2.000 Schüler zwischen sechs und zwölf Jahren zu Fuß zum Unterricht. Die meisten von ihnen selbständig, ohne Eltern!

Übrigens: Ein paar Ausnahmen gibt es selbst für die autofreie Zone im Zentrum. Zur Hochzeit darf das Brautpaar im Auto durch die Innenstadt fahren – die Hochzeitsgesellschaft muss allerdings zu Fuß hinterher gehen. Das selbe gilt für Beerdigungen.

Quelle
Guardian
Tags
Mehr zeigen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to top button
Close